Wer beim Einkauf zum Energieriegel greift, erwartet oft regionale Qualität oder zumindest Transparenz darüber, wo das Produkt tatsächlich hergestellt wurde. Doch die Realität sieht anders aus: Viele Hersteller nutzen geschickte Marketingtricks, um die wahre Herkunft ihrer Riegel zu verschleiern. Deutsche Firmennamen, alpenländische Bergpanoramen auf der Verpackung oder Formulierungen wie „nach traditioneller Rezeptur“ erwecken den Eindruck heimischer Produktion – obwohl der Riegel möglicherweise Tausende Kilometer entfernt gefertigt wurde.
Warum die Herkunft bei Riegeln so oft im Dunkeln bleibt
Die Kennzeichnungspflichten für Lebensmittel sind in der EU streng geregelt, doch beim Thema Produktionsstandort gibt es erhebliche Schlupflöcher. Während bei frischem Obst, Gemüse, Fleisch oder Eiern klare Herkunftsangaben vorgeschrieben sind, fehlt diese Verpflichtung bei verarbeiteten Produkten wie Energieriegeln weitgehend. Hersteller müssen lediglich ihre Firmenadresse angeben – und diese sagt nichts über den tatsächlichen Produktionsort aus.
Besonders problematisch wird es, wenn Unternehmen bewusst mit regionalen Assoziationen arbeiten. Ein Firmensitz in Deutschland bedeutet keineswegs, dass dort auch produziert wird. Die Fertigung kann ausgelagert sein nach Polen, in die Türkei oder nach Asien, während das Unternehmen rechtlich seinen Sitz in München oder Hamburg hat. Diese Praxis ist völlig legal, führt aber Verbraucher systematisch in die Irre.
Die häufigsten Verschleierungstaktiken der Hersteller
Wer die Herkunft von Riegeln durchschauen möchte, sollte folgende Strategien kennen, mit denen Hersteller arbeiten:
- Geografische Andeutungen im Produktnamen: Bezeichnungen, die an bestimmte Regionen erinnern, ohne dass dort produziert wird
- Visuelle Täuschung durch Verpackungsdesign: Landschaftsbilder, Flaggen oder regionale Symbole, die eine lokale Herstellung suggerieren
- Mehrdeutige Formulierungen: Aussagen wie „deutsches Unternehmen“ oder „entwickelt in der Schweiz“ sagen nichts über den Produktionsstandort
- Verschachtelte Unternehmensstrukturen: Tochterfirmen mit klingenden Namen, während die Muttergesellschaft international agiert
Wo Sie die echten Hinweise zur Herkunft finden
Die Spurensuche erfordert etwas Detektivarbeit, aber mit den richtigen Anhaltspunkten lässt sich die Wahrheit meist aufdecken. Der wichtigste Indikator ist das Veterinärkontrollzeichen bei Produkten tierischen Ursprungs – bei vielen Proteinriegeln relevant. Dieses ovale Kennzeichen enthält einen Ländercode und eine Betriebsnummer, die den tatsächlichen Produktionsstandort verrät.
Bei pflanzlichen Riegeln ohne tierische Bestandteile fehlt dieses Zeichen oft. Hier hilft der Blick auf die Losnummer oder den Barcode. Die ersten Ziffern des EAN-Codes geben Aufschluss über das Land, in dem die Barcodenummer registriert wurde – was zumindest einen Hinweis liefert, auch wenn es keine absolute Garantie ist. Auf jeder Verpackung muss der Name und die Anschrift des Herstellers oder Vertreibers stehen. Entscheidend ist hier die genaue Formulierung. Steht dort „hergestellt für“ oder „vertrieben durch“, handelt es sich höchstwahrscheinlich nicht um den Produktionsstandort.
Die Adresse richtig interpretieren
Auch die Art der Adresse gibt Aufschluss: Handelt es sich um eine Postfachadresse oder eine simple Büroanschrift in einem Gewerbegebiet, spricht das gegen eine eigene Produktion. Produktionsstätten haben üblicherweise vollständige Straßenadressen mit Hausnummer. Diese Details mögen klein erscheinen, doch sie sind Gold wert für alle, die wissen wollen, was sie wirklich kaufen.

Warum die verschleierte Herkunft problematisch ist
Die mangelnde Transparenz bei der Herkunft hat weitreichende Konsequenzen, die über enttäuschte Erwartungen hinausgehen. Verbraucher, die bewusst regionale Produkte kaufen möchten, um kurze Transportwege und lokale Arbeitsplätze zu unterstützen, werden getäuscht. Ihre Kaufentscheidung basiert auf falschen Annahmen. Auch aus Qualitätssicht ist die Herkunft relevant. Produktionsstandorte unterliegen unterschiedlichen Kontrollstandards, Hygienevorgaben und Qualitätssicherungssystemen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die ökologische Bilanz. Ein Riegel, der in Asien produziert, per Schiff nach Europa transportiert und dann in deutschen Regalen landet, hat einen deutlich höheren CO2-Fußabdruck als ein regional hergestelltes Produkt. Verbraucher, die aus Umweltgründen bestimmte Produkte bevorzugen, haben keine faire Chance, informierte Entscheidungen zu treffen, wenn die Herkunft verschleiert wird. Die strengere europäische Vorschriften zu Kennzeichnung werden zwar diskutiert, doch bis diese Realität werden, bleibt den Konsumenten nur Wachsamkeit.
Praktische Tipps für den bewussten Einkauf
Mit einigen gezielten Strategien lassen sich transparentere Kaufentscheidungen treffen, auch wenn die Hersteller es einem nicht leicht machen:
- Recherchieren Sie online: Viele Unternehmen geben auf ihren Websites mehr Informationen preis als auf der Verpackung
- Kontaktieren Sie den Hersteller: Eine direkte Anfrage per E-Mail zeigt, wie transparent ein Unternehmen agieren möchte
- Achten Sie auf Siegel und Zertifikate: Regionale Qualitätssiegel mit strengen Vergabekriterien garantieren meist auch die lokale Produktion
- Bevorzugen Sie kleinere Produzenten: Lokale Manufakturen mit eigener Produktion sind oft transparenter
Was sich rechtlich ändern müsste
Verbraucherschützer fordern seit Jahren eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung auch für verarbeitete Lebensmittel. Während die Politik zögert, bleibt Konsumenten nur die Möglichkeit, durch ihr Kaufverhalten Druck auszuüben. Unternehmen, die konsequent intransparent agieren, sollten gemieden werden – unabhängig davon, wie attraktiv die Verpackung gestaltet ist oder wie günstig der Preis erscheint.
Einige europäische Länder sind bereits weiter: In Frankreich müssen seit einigen Jahren auch bei verarbeiteten Produkten Herkunftsangaben gemacht werden, zumindest für die Hauptzutaten. Solche Regelungen wären auch in Deutschland wünschenswert und würden den Markt erheblich transparenter machen. Doch solange sich nichts ändert, sind informierte Verbraucher die beste Waffe gegen Verschleierungstaktiken.
Der kritische Blick zahlt sich aus
Wer beim nächsten Einkauf zum Energieriegel greift, sollte sich die Zeit nehmen, das Kleingedruckte zu lesen und zwischen Marketing und Realität zu unterscheiden. Die verschleierte Herkunft ist kein Zufall, sondern Teil einer bewussten Strategie, um Produkte attraktiver erscheinen zu lassen, als sie sind. Mit etwas Übung entwickelt man schnell ein Gespür dafür, welche Angaben verlässlich sind und wo Vorsicht geboten ist. Transparenz sollte bei Lebensmitteln kein Luxus sein, sondern Standard – und als Verbraucher haben wir das Recht, genau zu wissen, was wir kaufen und woher es stammt. Nur so können wir Entscheidungen treffen, die unseren Werten entsprechen und die Hersteller dazu bringen, ehrlicher zu kommunizieren.
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